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Obwohl der Bedarf an professioneller Pflege stetig zunimmt, stehen die Entscheider und Führungskräfte der Branche vor großen Herausforderungen. Insbesondere stationär orientierte Anbieter müssen ihre bisherige Unternehmensstrategie kritisch prüfen und den veränderten rechtlichen Rahmenbedingungen anpassen. 

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Thorsten Böger

Management- und Organisationsberater. Ansprechpartner u.a. für Pflege und Altenhilfe (inkl. Interim Management)

Thorsten Böger

Donnerstag, 03 Mai 2018 11:37

„Die Fachkraftquote ist in vielen Regionen längst kollabiert.“ – Michael Wipp im Interview

 Wipp Michael
 Michael WIpp

In der letzten Legislaturperiode hat sich in Sachen Sozialgesetzgebung einiges getan. Die Branche ist damit beschäftigt, die PSG II und III in der Umsetzung bestmöglich zu gestalten. Ein Jahr nach Einführung des PSG II hat Marie Kramp, Referentin für Presse- und Unternehmenskommunikation bei contec, mit Michael Wipp über seine persönlichen Erfahrungen in der Praxis sowie über die zukünftigen Pläne des ehemaligen ORPEA-Geschäftsführers gesprochen. Michael Wipp ist mittlerweile Geschäftsführer im Bereich Qualität bei der EMVIA Living GmbH und führt mit WippCARE ein eigenes Beratungsunternehmen.

 

Herr Wipp, im Januar 2017 haben Sie der „Altenheim“ gegenüber in einem Interview geäußert, dass von einer Schwächung der stationären Pflege durch die neuen Gesetzgebungen keine Rede sein kann. Würden Sie das heute, etwas über ein Jahr später auch noch so sehen? Mit anderen Worten: Welche Bilanz ziehen Sie nach einem Jahr Pflegestärkungsgesetze?

Auf jeden Fall sehe ich das noch immer so! Wenn es allerdings um eine differenzierte Bilanzierung geht, muss man schauen, woran man einen Erfolg oder Misserfolg festmachen möchte. Bei einer reinen Betrachtung der Pflegeeinstufungen und der Entwicklung unter den neuen Pflegegraden würde ich das erste halbe Jahr nach der Überleitung von Stufen in Grade als eher zurückhaltend bezeichnen. Inzwischen hat sich das Ganze aber stabilisiert und auch die höheren Pflegegrade nehmen zu. Allerdings ging es im PSG II um deutlich mehr als nur den Wechsel von Pflegestufen in Pflegegrade. Letztlich war der Kern ja auch das neue Begutachtungsassessment, das einen Paradigmenwechsel in der Beurteilung der Pflegebedürftigen mit sich brachte, durch die Ausrichtung an dem Grad der Selbstständigkeit. Diese Form eines Kulturwandels, eines Umdenkens, das in den Köpfen aller Beteiligten ankommen muss, begegnet mir in der Praxis leider noch gar nicht. In Gesprächen mit Pflegefachkräften wird zwar deutlich, dass es eine Änderung gab, aber die scheint rein formaler Natur zu sein.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Umsetzung noch hakt?

Ein Problem sind sicher veraltete Dokumentationssysteme. Das Strukturmodell ist im Prinzip prädestiniert dazu, einen solchen Wandel zu tragen. Doch genau wie das Strukturmodell muss auch das NBA und alle weiteren gesetzlichen Neuerungen den Mitarbeitenden nahegebracht werden, damit sie die Änderungen mittragen. Literatur gibt es dazu kaum, außer dem, was im NBA selbst beschrieben ist. Es ist also an den Führungskräften, ihre Mitarbeitenden zu schulen. Das typische und bewährte „Wir waschen jeden Morgen von Kopf bis Fuß und dann ist die Pflege gut“ funktioniert nicht mehr. Die Mitarbeitenden müssen bei allen Strapazen des Alltags dazu befähigt werden, zu erkennen, was der einzelne Mensch wirklich braucht und wie seine Selbstständigkeit erhalten und gefördert werden kann. Eine ganz klare Aufgabe für eine starke Führung.

Den Neuerungen der PSG wird oft der Grundsatz „ambulant vor stationär“ zugrunde gelegt. Heute werden erste Stimmen laut, dass es sich genau andersherum entwickeln könnte, weil die ambulanten Dienste die Nachfrage gar nicht bedienen können. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Das ist genau das, was ich von vielen ambulanten Diensten höre. Ich war selber Pflegedienstleitung in einem ambulanten Pflegedienst und weiß, dass man früher alles dafür getan hat, die Zeiten der Pflege an das private Lebensumfeld des Patienten anzupassen und die Leistungen entsprechend einzuplanen. Heute wird nach Lücken im Tourenplan geschaut und wenn die Zeiten für den Kunden nicht passen, müssen sie sich ggf. einen neuen Dienst suchen.

Nun steht nach langem Ringen endlich eine Bundesregierung, Jens Spahn ist seit einigen Wochen im Amt. Was wünschen Sie sich von der neuen Bundesregierung im Hinblick auf die Pflege? Haben Sie Hoffnung, dass sich etwas bessern wird?

Ich wünsche mir, dass endlich einmal diese unsinnigen Sektorengrenzen zwischen ambulant und stationär aufgehoben werden. Zum einen stört das jede wirkliche Vernetzung und zum andern ist das eine unnötige Verschwendung personeller Ressourcen. Eine gute Zusammenarbeit und Vernetzung ist hier m.E. sehr wichtig.
Darüber hinaus – aber das bleibt im Moment unklar, weil Frau Beikirch in ihrer Position nicht mehr im Amt ist – ist das Thema, wie es mit der Entbürokratisierung weitergeht sehr wichtig. Gerade die Qualitätsindikatoren, die ja noch in der Planung stecken, machen mir Sorgen, denn wenn das Ganze jetzt nicht weiterverfolgt wird, besteht die Gefahr, dass die Erfolge aus dem Strukturmodell wieder zu Nichte gemacht werden. Die Bestandsaufnahme, die Frau Beikirch gemacht hat, war sehr gut, und neben der Dokumentation, dem Bereich, den sie rausgegriffen hat, weil er eben so umfangreich war, gibt es ja noch viele andere Punkte auf der Liste, auch im ambulanten Bereich, die dringend unter dem Gesichtspunkt des bürokratischen Aufwands betrachtet werden müssten. Warum man diese Stelle von Frau Beikirch so nicht wieder eingerichtet hat, ist mir ein Rätsel. Für andere Fachbereiche gibt es ja auch Beauftragte, nur in der Pflege sollen es die Minister mal nebenbei machen. Dies ist meiner Meinung nach ein großer Fehler.
Ein dritter Punkt ist das Thema Fachkraftquote. Die Politik will es nicht wahrhaben, aber in vielen Regionen ist die Fachkraftquote längst kollabiert. Jetzt einfach abzuwarten, dass sich was tut, ist fahrlässig. Belegungstopps lösen ja das Problem nicht. Zu behaupten, wenn wir weniger Plätze haben, ist das Problem mit der Quote nicht so hoch, das ist fast zynisch. Es handelt sich hier um ein reines Quotenerfüllungsprinzip, das nichts mit der Ergebnisqualität zu tun hat. Prof. Dr. Stefan Görres hat ja bereits hinreichend dargelegt, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass mehr Fachkräfte zu einer besseren Ergebnisqualität führen. Das bringen nur mehr Mitarbeitende an sich. Dieses Festklammern an der Fachkraftquote gaukelt der Öffentlichkeit lediglich eine Pseudo-Sicherheit vor, die in der Praxis des Alltags bei weitem nicht das erfüllt, was vielfach damit verbunden wird.    

Ein damit verwandtes Thema ist ja auch das Personalbemessungsverfahren für einen bundesweit einheitlichen Personalschlüssel, ein Thema, an das die alte Bundesregierung sich frei nach dem Motto „aufgeschoben ist nicht aufgehoben“ nicht herangetraut hat. Bis 2020 soll nun ein Gutachten erstellt werden. Wie stehen Sie zu diesem Aufschub?

Ich sehe das ganz kritisch, nicht nur, weil es aufgeschoben wurde, sondern weil im §113 steht, dass bis Juni 2020 das ganze entwickelt und erprobt sein soll. Zur Umsetzung steht da noch gar nichts drin. Selbst wenn man dann ein Verfahren hätte, das bundesweit funktioniert, ist das nicht in einem halben Jahr umgesetzt. Das ist absurd, so lange können wir gar nicht warten. Bis dahin liegt das System völlig am Boden. Die Bundesregierung will ja auch erst bis dahin das Ende der Fachkraftquote eingeläutet haben. Wir brauchen dringend Zwischenlösungen. Von einigen Sozialministerien habe ich gehört, dass man keine Zwischenlösungen mehr erarbeiten möchte, weil 2020 ja das Ergebnis vorliegt, aber das Ergebnis ist eben noch keine Umsetzung. Keiner traut sich ran und die Einrichtungen werden im Regen stehen gelassen.

Selbst wenn die Personalschlüssel der Länder angeglichen werden, muss das Personal noch gefunden werden. Die Bundesregierung hat 8000 zusätzliche Stellen für die Pflege versprochen. Was muss Ihrer Meinung nach passieren, damit der Beruf wieder attraktiver wird und diese Stellen auch besetzt werden können?

Hier spielen verschiedene Punkte eine Rolle, die z.T. durchaus in den Händen der Einrichtungen selbst liegen. Beispielsweise sollte das System auf den Prüfstand gestellt werden: Wer macht in meiner Einrichtung eigentlich was? Studien unter anderem von Wingenfeld zeigen, dass in vielen Fällen Fachkräfte Aufgaben ausführen, für die es keiner Fachkraft bedarf oder – was noch schlimmer ist – umgekehrt. Dann führen Pflegehelfer Aufgaben aus, die wiederum nur von einer Fachkraft vorgenommen werden sollten und auch dürfen. Das Schwierige ist, dass man das oft nicht pauschal bewerten kann, so gibt es ja durchaus Essenshilfen bei Bewohnern, bei denen eine Fachkraft erforderlich ist, aber eben nicht immer. Ein ausgewogener Qualifikationsmix sowie der richtige Einsatz dieser Qualifikationen würde den Berufsalltag erleichtern und die Attraktivität des Pflegeberufes steigern.
Darüber hinaus sehe ich eine große Verantwortung bei den Führungskräften. Es mag abgedroschen klingen, aber Wertschätzung der Mitarbeitenden ist ein großer Motivator. Es klingt selbstverständlich, aber in der Praxis erlebe ich, dass aufrichtige Wertschätzung der Mitarbeitenden nicht die Regel ist. Und dazu gehört auch Mitarbeiterbeteiligung, bspw. Bei Fragen der Arbeitszeitgestaltung. Viele hängen an alten Systemen und diskutieren, ob es nun eine fünf-, fünfeinhalb- oder sechs-Tage-Woche geben soll – diese Diskussionen sind von 1970! Wir sollten uns mit den Mitarbeitenden an einen Tisch setzen und gemeinsam Lösungen für Arbeitszeitmodelle finden, die die Bedürfnisse der Mitarbeitenden und der Bewohner weitgehend abbilden. Oft wird immer nur eine bessere Bezahlung gefordert, und natürlich: jeder freut sich über mehr Geld. Aber die Menschen, die sich für die Arbeit in der Pflege entscheiden, sind eben oftmals mit einem bestimmten Ziel in diesen Beruf gegangen, da geht es nicht in erster Linie um Geld. Vielen wäre bereits damit geholfen, wenn sie das Gefühl hätten, sie würden von der Führung ernst genommen.

Herr Wipp, Sie waren lange Zeit Geschäftsführer bei der ORPEA Deutschland und haben sich nun beruflich umorientiert. Als Geschäftsführer im Bereich Qualität der EMVIA Living GmbH sind Sie aber Ihrem Steckenpferd – der Qualität – treu geblieben. Was bewegt Sie hier?

Ich denke, das Thema Qualitätsmanagement ist ungemein wichtig, und dabei verfolge ich einen anderen Ansatz als viele andere. Einige Träger sehen die Notwendigkeit der Qualitätssicherung, machen aber in der Praxis gar nichts. Andere wiederum entwickeln Prozesse bis zum Umfallen, die die Welt nicht braucht. Ich bin der Meinung: so wenig wie möglich, so viel wie nötig. Beim Qualitätsmanagement geht es um so scheinbar banale Dinge wie Sturzprävention, Ernährung etc. und auch hier gilt wieder: die Mitarbeitenden mitnehmen. Ich mache mir zusammen mit Mitarbeitenden ein individuelles Bild von der jeweiligen Bewohnersituation. Es geht um die Individualität der einzelnen pflegebedürftigen Menschen, nicht um die Beliebigkeit im Handeln der Mitarbeitenden. Festgehalten werden müssen die Kern- und zentralen Prozesse, aber wie die einzelne Pflegekraft einzelne Handgriffe ausführt, soll nicht Teil eines Prozesses sein, solange die Ergebnisqualität stimmt. Qualitätsmanagement ist kein Selbstzweck, sondern muss der Zielsetzung dienlich sein, das wird oft vergessen, so selbstverständlich es auch klingen mag.

Vielen Dank Herr Wipp, für das nette Gespräch!

 

 

 

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