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Detlef Friedrich

Geschäftsführer der contec GmbH. Verantwortlich u.a. für Politik, Verbände, Innovation & Vernetzung.

Detlef Friedrich

Mittwoch, 07 März 2018 12:39

Im Gespräch mit Dr. Bodo de Vries vom DEVAP

devries cZ

 Dr. Bodo de Vries

Foto: © Hilla Südhaus

Anlässlich seiner Wahl zum neuen Vorstandsvorsitzenden des Deutschen Evangelischen Verbands für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) hat sich die contec-Redaktion mit Dr. Bodo de Vries zusammengesetzt, um über seine neue Tätigkeit und seine langfristigen Ziele für den Verband  zu sprechen. Dabei beleuchtet er auch die aktuelle Lage der Pflegelandschaft in Deutschland und die Notwendigkeit einer Grundsatzreform in der Pflege. Das Interview führte Philipp Hartmann, Projektassistent.

Herr de Vries, im November 2017 wurden Sie zum neuen Vorstandsvorsitzenden des DEVAP gewählt. Könnten Sie bitte Ihren neuen Aufgabenbereich umreißen?

„Der neue Aufgabenbereich unterscheidet sich natürlich sehr von meinen Zuständigkeiten, die ich zuvor im Vorstand und im geschäftsführenden Vorstand des DEVAP innehatte. Als Vorsitzender werde ich mich vor allem für die Interessenvertretung unserer Landesverbände und Einrichtungen einsetzen. Wir wollen eine Interessenvertretung politisch positionieren, um in einer hochspannenden und zum Teil prekären Situation die Altenhilfe in Deutschland weiterzuentwickeln. Hierzu brauchen wir eine gesteigerte Präsenz. 

Eine Hauptaufgabe wird darin liegen, die Sichtbarkeit der Arbeit unserer Mitglieder und Einrichtungsträger zu erhöhen. Auf der anderen Seite werden wir den eingeschlagenen Weg, politisch präsent zu sein und uns mit eigenen Vorschlägen in die Altenhilfepolitik des Landes einzubringen, fortführen. Wir werden mit Gesprächen und mit Diskussionsforen unserer Mitglieder und der Bundespolitik im kommenden Jahr weitere Akzente setzen und uns vor allem mit eigenen Ideen zur Weiterentwicklung der Altenhilfe in Deutschland einbringen.“

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?

„Mich reizt nicht nur die Mehrarbeit, die für mich als Vorstandsvorsitzender entsteht, denn ich leite ja zusätzlich noch die Altenhilfe im Evangelischen Johanneswerk. Mich reizt in erster Linie die Chance, noch direkter als es mir im Vorstand des Johanneswerks möglich ist, Einfluss auf Rahmenbedingungen zu nehmen, die die operative Umsetzung von Pflege und Betreuung alter Menschen förderlich entwickeln können. 

Ich glaube, dass in den Gesprächen, die unter dem Label „Demografischer Wandel“ geführt werden, eine Interessenspolitik für alte Menschen möglich ist, die fachlich, wirtschaftlich, aber auch ethisch und theologisch den Ansprüchen der Bundesrepublik Deutschland genügen kann. Hierzu möchte ich einen Beitrag leisten.“

Welche längerfristigen Ansätze verfolgen Sie als Vorstandsvorsitzender? Wie möchten Sie die Altenhilfe künftig positionieren?

„Wir müssen Schluss machen mit Weiterentwicklungs- und Ergänzungsgesetzen. Wir müssen dringend mit der Politik darüber ins Gespräch kommen, wie wir grundsätzliche Webfehler, die wir in der Altenhilfe über die Pflegeversicherung und über die föderalen Strukturen entwickelt haben, korrigieren können. Wir stehen vor einer Situation, in der uns das bisschen Reformpolitik in den letzten Jahren zwar geholfen hat –das möchte ich gar nicht wegreden– aber wesentliche Reformfragen nach wie vor unbeantwortet sind. Das wird künftig nicht weiter so funktionieren können. Deshalb müssen wir Aktivitäten entwickeln und kurzfristig Potentiale entfalten, die den DEVAP in die Diskussion über eine Grundsatzreform der Pflege bringen.“

Als Vorstandsvorsitzender des DEVAP repräsentieren Sie rund 2.000 stationäre Einrichtungen der Altenhilfe und über 1.400 ambulante gesundheits- und sozialpflegerische Dienste sowie 90 Pflegeschulen und weitere Initiativen. Wie fällt Ihre Bestandsaufnahme aus? Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation der Altenhilfe?

„Es muss zunehmend ins Bewusstsein geraten, dass sich durch die unterschiedlichen Landespolitiken und regionalspezifischen Fragestellungen in der Altenhilfe in Deutschland allgemeine Problembereiche ergeben. Grundsätzlich müssen wir erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass die stationäre Versorgung zum Teil mit prekären Personalsituationen ausgestattet ist. Die Pflegereformen sind bei den Mitarbeitenden nicht angekommen. 

Wenngleich diese Reformen positive Effekte für die Bewohner haben, müssen wir feststellen, dass die Umsetzung eines neuen Pflegebegriffs im Verständnis bei den Mitarbeitenden nicht angekommen ist, weil edukative Fragestellungen und Ressourcen nur unzureichend positioniert worden sind. Aber vor allem entspricht der neue Pflegebegriff weder der Menge der Pflegemitarbeitenden noch den veränderten Situationen und den Zielgruppen der stationären Versorgung. In den deutschen Altenheimen wird so viel gestorben wie nie zuvor. Die Fragestellung der palliativen Versorgung, aber auch der medizinischen Versorgung und der Fachlichkeit und des Volumens der Mitarbeitenden bedarf einer Anpassung. Hier ist so gut wie nichts seit Einführung der Pflegeversicherung 1996 passiert.

In der ambulanten Versorgung haben wir es leider nicht geschafft, die Entwicklung der Preise für unsere Dienste, auch mit Blick auf die Personalkosten, anzupassen. Der Gesetzgeber hat sich dieser Vorgabe, die wir im stationären Bereich berücksichtigt haben, leider verweigert. Wir haben so gut wie an allen Stellen, wo Dienste der Diakonie tätig sind, einen Fachkräftemangel. Daher müssen wir bedauerlicherweise einen Großteil an Versorgungsaufträgen und Anfragen – in einem größeren Umfang als es schon im stationären Bereich der Fall ist – ablehnen. 

In der gegenwärtigen Situation können wir längst nicht mehr mit der notwendigen Fachlichkeit und dem Personalvolumen die häusliche Versorgung absichern, weil uns die finanzielle Ausstattung und das Personal fehlen. Diese Tatsache ist hochgradig problematisch und darf eigentlich nicht einer Altenhilfe in Deutschland entsprechen. Wir brauchen dringend das Gespräch mit der Politik, um in einer größeren Transparenz die prekäre Situation von Bewohnerinnen und Bewohnern sowie den Arbeitsdruck in der ambulanten Pflege zu thematisieren und Abhilfe zu schaffen.“

Zum allgegenwärtigen Thema des Fachkräftemangels: Betreuungs- und Pflegeanbieter konkurrieren nicht nur mit den Mitbewerbern der Branche um Fachkräfte, sondern befinden sich in einem branchenübergreifenden Wettbewerb. – Wie kann es gelingen, die Altenhilfe für künftige Pflegekräfte attraktiver zu gestalten und sie langfristig zu binden?

„Vorneweg müssen wir wertschätzend anerkennen, dass einige Begriffe in der aktuellen Koalitionsvereinbarung hier neue Akzente setzen. Stichpunkt: Rückkehrer. Wir haben generell das Problem, dass wir 365 Tage, 24 Stunden am Tag Versorgungssicherheit, sowohl ambulant wie stationär, abbilden wollen. Familienfreundlichkeit muss sich an diesen Bedingungen orientieren, das ist natürlich sehr schwierig. Und ohne ansprechende Rahmenbedingungen die Mitarbeitenden zu motivieren, diese enorme Verantwortung unter diesen Umständen zu tragen, funktioniert nicht. Wir müssen uns also Gedanken machen, wie wir Mitarbeitende motivieren können, ihre Stelle aufzustocken und wie wir Rückkehrer, die lange nicht mehr im Pflegeberuf gearbeitet haben, zurückgewinnen können.

Ein ganz wesentlicher Punkt wird sein, wie wir es schaffen können, unseren Mitarbeitenden das Erlebnis zu vermitteln in einem Team zu arbeiten. Sich sowohl in der stationären wie auch in der häuslichen Versorgung als Teamplayer zu verstehen, wird eine Herausforderung sein. Das Teamerlebnis lässt sich zu einem gewissen Grad durch die Qualität der Arbeit und die Quantität der Mitarbeitenden erzeugen.

Wir müssen aber auch erkennen, dass wir unterschiedliche Generationen von Mitarbeitenden ansprechen müssen. Die Generation Y setzt andere Prioritäten, die wiederum andere berufliche Rahmenbedingung in der Pflege erfordern. Darauf müssen wir eingehen und müssen erst einmal sprachfähig werden, um sie an ihrem Standpunkt abholen zu können. Im Vergleich zu früheren Generationen sind Pflegemitarbeitende dieser Generation weniger bereit, Kompromisse einzugehen. Diese Eigenschaft müssen wir genau unter die Lupe nehmen und schauen, welche Angebote wir Mitarbeitenden der Generation Y bieten können, damit diese sich mit Wechselschichten und Wochenenddiensten arrangieren können. 

Inwieweit sich das mit Geld oder anderen flankierenden Maßnahmen umsetzen lässt, bin ich mir nicht sicher. Allerdings bin ich mir sehr sicher, dass es naiv ist zu glauben, man könne einen Zulauf an ambulanten und stationären Pflegekräfte allein mit Geld erreichen. Diese schnellen, oftmals von der Politik geäußerten Forderungen greifen meist ins Leere. Das sind unvollständige und zu einseitige Maßnahmen, die haben wir alle schon probiert. So funktioniert es nicht.“

Herr de Vries, wenn Sie sich den aktuellen Koalitionsvertrag anschauen, haben Sie den Eindruck, dass die Anliegen bzw. die „heißen“ Themen der Pflegebranche bei den Bundespolitikern angekommen sind?

„Nein, den Eindruck kann ich nicht haben. Wir haben schriftlich und mündlich in vielen Gesprächen unsere Anliegen formuliert. Unsere Forderungen nach einer Grundsatzreform und nach einer `echten Pflegeteilkasko´, die nicht bei jeder Qualitätsverbesserung oder Stellenaufstockung Bewohnern oder Kommunen in die Taschen greift, werden nicht in den Blick genommen. Deshalb kann ich mit den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen nicht zufrieden sein. Ich sehe hier überhaupt keinen Ansatz, alte Webfehler in einem größeren Umfang zu korrigieren. Ausgenommen hiervon erkenne ich, dass im Koalitionsvertrag allerdings eine wesentliche Forderung von uns zumindest ansatzweise aufgegriffen wird:  die Ressourcen der Behandlungspflege, die im SGB V liegen ins SBG XI oder in unsere stationären Einrichtungen zu transferieren. Das halte ich für einen Fortschritt.

Das Versprechen mit dem dargestellten Personalvolumen von 8.000 neuen Stellen als Erfolg einer Stellenaufstockung zu begreifen, halte ich allerdings für unerträglich. Wissen Sie, wenn ich in einem 80-Betten-Haus für die Nachschicht eine dritte Pflegekraft haben will, muss ich im Tagdienst rund 2,5 Stellen wegnehmen. Da sind 8.000 Stellen bei 13.000 stationären Pflegeeinrichtungen ein Witz. Das kann ich noch nicht einmal als Tropfen auf den heißen Stein bezeichnen. Hier fühlen wir uns und insbesondere die Mitarbeiterschaft von der Politik nicht gehört. Ich erkenne zwar, dass hier ein alter Webfehler angegangen werden soll, aber das Ergebnis werde ich in der Mitarbeiterschaft des DEVAPs nicht verkaufen können. An dieser Stelle muss seitens der Politik mehr geschehen. 

Die Ansätze, die sich laut Koalitionsvereinbarung in einem Sofortprogramm realisieren lassen sollen, können schnell und gerne mit uns gemeinsam weiterentwickelt werden, damit die Politik als Akteur der Altenhilfe nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verliert.“

Experten fordern eine Neustrukturierung der Pflegeversicherung. Was muss sich Ihrer Ansicht nach in der Pflegeversicherung ändern, um auch künftig für die Herausforderungen von demografischen und sozialen Wandel gewappnet zu sein? 

„Wir haben als DEVAP konkrete Reformvorschläge gemacht. Ich habe gerade schon das Stichwort `echte Pflegeteilkasko´ genannt. Wir glauben, dass wir zu einer Struktur finden müssen, bei der die Pflegeteilkaskoversicherung -wie bei jeder anderen Teilkasko-  das Gesamtrisiko trägt und ein festgeschriebener Eigenanteil als überschaubares Risiko bei den Bewohnern und Kommunen entsteht. Wir möchten diesen Reformansatz weiterdenken und gleichzeitig mit einem Abbau von Sektoren beginnen. Das bedeutet, wir möchten eine Struktur, die über ein Case-Management – modularisiert über Pflegepakete – die stationäre und ambulante Arbeit gliedert. 

Dabei wollen wir nicht verkennen, dass der Begriff der Teilkasko vor dem ambulanten Bereich stehen bleibt. Und auch hier erkenne ich im Koalitionsvertrag keine Ansätze. Wir brauchen die Zivilgesellschaft, wir brauchen Angehörige deren Rahmenbedingungen in der Häuslichkeit durch edukative Formen der Unterstützung gestärkt werden. 

Wir sehen im ambulanten Bereich nach wie vor die Herausforderung, dass es für eine `echte Teilkaskoversicherung` die Unterstützung der Zivilgesellschaft und weiterer flankierender Maßnahmen bedarf. Mit Geld, aber auch mit motivierten Nachbarschaften und Angehörigen unter der Begleitung unserer professionell arbeitenden Diakonie-Stationen kann die Häuslichkeit gestützt werden. Das alles muss sektorenübergreifend mit gleichbleibenden Strukturen geschehen, die sowohl im ambulanten wie auch im stationären Bereich funktionieren. Hierzu haben wir im vergangenen Jahr mit Prof. Dr. Heinz Rothgang von der Universität Bremen Überlegungen und Rechnungen aufgestellt, wie wir als DEVAP in dieser Sache einen gangbaren Weg gemeinsam mit der Politik bestreiten können.“

Stichpunkt Digitalisierung: Die Digitalisierung greift auch in der Betreuungs- und Pflegebranche um sich. Wie schätzen Sie Chancen und Risiken für die Altenhilfe ein?

„Für mich als Sozialwissenschaftler ist der Begriff „Digitalisierung“ zunächst einmal eine Worthülse, die es zu entzaubern gilt. Was meinen wir denn damit? Die IT-Durchdringung des Pflegeprozesses? Oder meinen wir damit eine Umsetzung von Robotik, die im Pflegeprozess oder in der Aufrechterhaltung der eigenen Häuslichkeit greift? Ich kann und will hier keinen Ansatz disqualifizieren, weil wir in allen Bereichen weiterdenken müssen. Allerdings müssen wir aus fachlicher, wirtschaftlicher und ethischer Perspektive die Spannungsfelder in den Blick nehmen. 

Die Digitalisierung muss beim Nutzer ankommen und dessen Lebensbedingungen förderlich unterstützen. Das bedeutet, wir müssen uns bei der Digitalisierung in die Position des Nutzers hineinversetzen. Hier geht es nicht um eine bloße Technikakzeptanz, sondern hier geht es um fachliche, wirtschaftliche und ethische Fragestellungen, die dem Nutzer zugutekommen müssen. Vor diesem Hintergrund müssen wir die Herausforderungen klar benennen. Als Akteur der Altenhilfe bin ich bereit, jede Schleife in dieser Diskussion mitzumachen, allerdings dürfen wir nicht die Paradigmen, an denen sich diese Nützlichkeit auszurichten hat, aus dem Blick verlieren.

Skeptisch bin ich bei einigen Facetten der Digitalisierung, weil der Einsatz von Technik und Digitalisierung nicht zu einer Entlastung von Verantwortung beispielsweise von Pflegekassen führen sollte. Da müssen wir genau hinschauen, ohne gleich einen Ansatz zu verteufeln.

Allerdings bin ich enttäuscht, mit welcher Naivität Politik und Wirtschaft Beiträge in die Diskussion einbringen, die vom Nutzer aus gedacht und vor dem Hintergrund des bestehenden Versorgungssettings als realitätsfern einzustufen sind. Als DEVAP sind wir bereit, in den Diskurs einzusteigen, der künftig zwischen den entscheidenden Akteuren geführt werden muss.“

Herr de Vries, vielen Dank für das Gespräch!

 

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